„Mehr Land“ - unsere Theatergruppe hat wieder gespielt

„Herr Tolstoi!“, schallt es fordernd an diesem lauen Sommerabend durch das Atrium des Gymnasiums. Herbeigerufen wird der russische Schriftsteller, der Ende des 19. Jahrhunderts die kurze Geschichte „Wieviel Erde braucht der Mensch?“ schrieb. Leo Tolstoi soll nun 150 Jahre später in Vilshofen – mitten in der Aufführung seiner als Theaterstück umgeschriebenen Erzählung – erklären, was er damit gemeint hat: mit seinem ewig unzufriedenen Bauern Pachom, mit dessen besorgten Frau, mit dem sagenumwobenen Volk der Baschkiren. Doch Tolstoi philosophiert recht abgehoben drauflos, vom Menschen allgemein, seinen Leidenschaften und ewigen Fragen... Ewig dauert dieser Theaterabend nicht, im Gegenteil, und die Handlung des Stücks ist schnell erzählt: Pachom steigert sich ins Anhäufen von Land so sehr hinein, dass es ihn zuletzt das Leben kostet. Im Publikumsbereich des riesigen Atriums, dort, wo alle Stühle weggeräumt worden sind und lediglich zwei Stuhlreihen eine bescheidene Mittelbühne umstellen, erleben die Zuschauer hautnah dieses Drama um eine ganz und gar normale Unersättlichkeit. Eine Armlänge von Pachom entfernt sieht man ihn unermüdlich graben, um sein Leben – ähm, um sein Land – laufen, bekommt die Allüren eines Grafen vorgeführt, wird Zeuge eines historischen Treffens von Zar Alexander I. und US-Präsident Andrew Johnson, wird durch live Akkordeonkläge in eine ferne Welt entführt und staunt über eine Reinigungskraft, die alles andere als ein einfaches Gemüt hat. Ja, und mitmachen darf man auch, sofern man sich von den Schauspielern der Gruppe #bühnenreif mitreißen lässt, oder soll man eher sagen: ihnen auf den Leim geht? Am Ende liegen die Requisiten achtlos in der Mitte der Bühne, das Publikum ist längst wieder daheim und die ewigen Fragen Tolstois gleichen immer noch einer ungeheilten Wunde.

(Arthur Pflanzer)